Warum Transparenz eine Form von Respekt ist.
Neulich bin ich über ein Lied gestolpert. Ein Regenlied. Es war nett gemacht, eingängig und irgendwie gefällig. Und ziemlich schnell war mir klar, dass es mit Künstlicher Intelligenz entstanden war. Mittlerweile scheinen KI-generierte Lieder und Inhalte auf Spotify und YouTube geradezu explodiert zu sein.
Und bevor du jetzt denkst, ich würde gegen KI wettern… – nö, ganz im Gegenteil.
Ich arbeite selbst sehr gerne mit Künstlicher Intelligenz. Meine digitale Assistentin Sistaki hilft mir dabei, meine unglaublich verschachtelten Maxiwort-Sätze in verdaubare Stücke zu teilen. KI-Bilder, die ich verwende, kennzeichne ich ganz selbstverständlich als KI-generiert. Nicht, weil ich mich dafür schäme. Sondern weil ich finde, dass Menschen ein Recht darauf haben zu wissen, womit sie es zu tun haben.
Was mich aber an diesem Lied beschäftigt hat, war deshalb gar nicht die KI. Es war das, was einfach nicht dabeistand. Ich wusste nicht, wer oder was da eigentlich sang.
Und plötzlich stellte ich mir eine viel größere Frage, nämlich, warum ich das eigentlich wissen will. Und diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen. Vielleicht, weil ich Musikerin bin. Vielleicht aber auch, weil ich überzeugt bin, dass Kultur etwas mit Begegnung zu tun hat.
Wenn ich einer Sängerin zuhöre, nehme ich nicht nur ihre Stimme wahr. Ich erfahre einen Menschen. Ich sehe Atem, Erfahrung, Unsicherheit, Freude, Lampenfieber, Lebensgeschichte. Ich höre jemanden, der irgendwann beschlossen hat, seine Stimme mit der Welt zu teilen und das berührt mich oder auch nicht. Und meistens geht es nicht darum, ob jeder Ton perfekt ist oder das Arrangement 100% fertig, sondern weil ich spüre, dass mir dort ein Mensch begegnet.
Genau deshalb habe ich mich gefragt, was eigentlich passiert, wenn wir immer öfter künstliche Stimmen hören, ohne überhaupt zu wissen, dass sie künstlich sind. Ob das was verändert?
Ja, ich denke schon. Nicht weil KI keine Musik machen könnte. Das kann sie inzwischen erstaunlich gut. Aber es fehlt für mich die Begegnung. Wenn ich eine Musikgruppe höre, dann bemerke ich die einzelnen Musiker*innen, die Liebe zur Komposition, weiß wie lange sie schon Bühnen bespielen, ich gehe in ihre Konzerte und kann diese Liebe zum Lied mit ihnen teilen. Und während ich über Musik nachdenke, kommt mir noch eine ganz andere Frage. Wenn KI-Stimmen für emotionale oder spirituelle Inhalte eingesetzt werden… welche Stimmen wählen wir eigentlich? Welche Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit tragen wir dabei unbewusst weiter? Wie weit definiert sich hier etwas über z.B. patriarchale Prägungen? Ich kenne darauf keine fertige Antwort. Aber ich finde die Frage spannend. Gerade weil Frauenstimmen über Jahrhunderte oft verfügbar waren, ohne wirklich gehört oder angemessen wertgeschätzt zu werden. Vielleicht sollten wir auch darüber sprechen, wenn wir über KI sprechen.
Vor kurzem habe ich einen Kanal auf Youtube gefunden (oder er mich 😉) , der ausschließlich Rituallieder anbietet. Sehr professionell aber irgendwie doch ziemlich Einheitsbrei, Ki-generiert und Massenware. Und natürlich auch Klischee. Die Frauenstimmen klangen alle wie sphärische Elfen und die Männer wie hungrige Wikinger. Es war wie bei einem viel zu süßen Konfekt – der erste Moment nahm mich gefangen, aber plötzlich war es klar „das ist alles viel zu süß, viel zu gemacht“. Auf meine Recherchen konnte ich auch keine Band im Hintergrund finden und keinerlei Hinweise auf KI-Musik. Könnte der Unterschied zwischen einer künstlich erzeugten Stimme und eines echten Menschen vielleicht sein, dass KI einen Ton produziert aber der Mensch uns die Stimme schenkt?
Und nochmal – ich wünsche mir keine Welt ohne KI (nur hin und wieder 😉) – ich wünsche mir eine Welt, in der wir Künstliche Intelligenz dazu einsetzen, um Unterstützung und Hilfe für unsere Welt, für unser Sein für unser Leben erhalten. Denn für mich beginnt Kreativität nämlich nicht mit einem Prompt, möge er noch so komplex formuliert werden.
Kreativität beginnt nicht mit einem Prompt. Sie beginnt mit einem Menschen.
Bevor ich überhaupt ChatGPT (oder etwas Vergleichbares) öffne, ist in mir meistens schon unglaublich viel passiert. Ich habe etwas beobachtet, mich über etwas geärgert, mit Freundinnen gesprochen, ein Buch gelesen, eine Idee gefunden, verworfen wieder aufgenommen, eine Nacht darüber geschlafen, vielleicht ein Woche vergehen lassen und irgendwann merke ich… JETZT … jetzt brauche ich für diese Idee eine Sparringpartnerin. Die kann entweder meine Tochter, eine Freundin oder eben auch Sistaki, meine ChatGPT-Assistentin sein. Und erst dann beginnt unsere Zusammenarbeit. Ich prompte nicht: „Schreib mir einen Artikel zum Thema XY“ sondern ich speise meine selbst geschriebenen Texte ein und erst dann laufen die ersten Korrekturen.
Ich lagere meine Gedanken nicht aus, ich entwickle sie mit mir selbst, mit anderen Menschen und manchmal eben auch mit einer KI.
Wenn ich heute höre, dass jemand mithilfe von KI in drei Tagen 5 Alben mit Musik schreiben lässt, beeindruckt mich das erstaunlich wenig. Nicht, weil das technisch nicht möglich wäre. Sondern weil ich mich frage, wann diese Musik eigentlich Zeit hatte, in einem Menschen, in einer Gruppe zu wachsen. Ich glaube nämlich dass Entwicklung ihre eigene Geschwindigkeit hat. Gedanken möchten manchmal spazieren gehen, Irrwege nehmen, liegen bleiben, reifen… Natürlich muss nicht jedes Lied, jedes Bild und jeder Text wochenlang entstehen. Es geht mir nicht darum, Langsamkeit zu romantisieren oder technische Möglichkeiten kleinzureden. Ich liebe es, wenn KI mir Arbeit abnimmt, Ideen sortiert oder mir einen neuen Blickwinkel schenkt. Aber ich wünsche mir, dass wir dabei nicht den Fokus auf Begegnungen verlieren.
Vielleicht hat mich das Regenlied deshalb so beschäftigt, nicht weil es schlecht gewesen wäre oder die Intention dahinter nicht wohlwollend, sondern weil ich mich gefragt habe, ob wir manchmal vergessen, dass Kultur nicht nur aus dem besteht, was am Ende herauskommt.
KULTUR BESTEHT NICHT NUR AUS DEM WAS AM ENDE RAUSKOMMT!
Kultur entsteht auf Wegen, im Gehen, in Gesprächen, beim gemeinsamen Musizieren, beim Ringen um einen Satz, beim Lachen, beim Scheitern und natürlich auch beim Zweifel und auch oft über die Zeit. Ich habe nichts gegen schnelle Ergebnisse. Aber ich habe etwas dagegen, wenn wir Geschwindigkeit mit Entwicklung verwechseln. Denn Kultur entsteht nicht dort, wo möglichst schnell ein Produkt fertig wird. Kultur entsteht dort, wo in Menschen Dinge reifen.
Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht KI die Menschen ersetzt. Ich wünsche mir eine Welt, in der KI uns dabei hilft, menschlicher zu werden. Denn erst wenn ich weiß, wer singt, wer malt, wer schreibt oder wer unterstützt hat, kann ich bewusst entscheiden, womit ich in Beziehung treten möchte. Ich wünsche mir daher Transparenz bei Produkten, die mit KI entstanden sind – nicht als Pflicht sondern als Form des Respekts.