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oder: Wie viele Namen braucht die Göttin?

Pacha Mama begegnete ich das erste Mal, als ich das Lied von Ronny Hickel auf YouTube hörte. „Pacha Mama – I’m coming home“ – ein bekannter und traditionsübergreifender Rainbow-Song, der weltweit gerne in Singkreisen oder auch Zeremonien gesungen wird. Es hat mir gut gefallen, dass hier das zyklische Leben, also AUCH das Sterben, in einer sehr ohrwurmträchtigen Melodie fröhlich gesungen wird.

Erst im Nachhinein habe ich mich mit der Göttin Pacha Mama etwas beschäftigt. Andrea Dechant gibt auf artedea.net den Göttinnen in ihren ausdrucksstarken Bildern auch Gesichter, Gestalt und Inhaltliches mit, also machte ich mich hier auf die Suche nach Pacha Mama – und fand sie natürlich vor. Wie viele andere Göttinnen vereint sie für mich Werden, Sein und Vergehen und damit jene Dreifachheit, die mir in weiblichen spirituellen Bildern immer wieder begegnet. Die Details dazu kannst du auf Andreas Webseite gerne nachlesen.

Aber ich habe mir gedacht, warum muss sich Claudia jetzt eigentlich mit einer südamerikanischen Göttin beschäftigen, wo sie doch aus dem schönen Salzburg stammt? Und auch eine genetische Analyse brachte zutage, dass ich bzw. meine Vorfahren vermutlich schon sehr, sehr lange hier leben. Also nix mit magischer Verbindung nach Südamerika oder so.

Warum also Pacha Mama?

Die einfache Antwort – weil es das Lied einfach schon gab und es mir gefiel.

In meiner Frauensinggruppe Matrivokal baue ich schon länger Lieder ein, die ich einösterreichische – was für ein grandioses Wort. Oder einmundarte. Ursprünglich war ich gar nicht so ein Dialekt-Fan beim Singen von Musik, aber eine Singkollegin, Berta, hat mich auf den Gusto gebracht und so begann ich, bekannte Frauenlieder mit Mundarttexten zu versehen.

Ja – genau ich, die ich griechische und makedonische Musik in einem großartigen Ensemble singe. Aber warum nicht, die Welt ist bunt – and so am I!

Und trotzdem stellte sich mir irgendwann die Frage, warum jemand aus Österreich eigentlich Pacha Mama besingt – haben wir keine eigenen Göttinnen?

Natürlich haben wir welche, aber uns sind vergleichsweise wenige Mythen und Geschichten zu den alten weiblichen Bildern erhalten geblieben. Göttinnenfiguren und Geschichten etwa von Holle, Percht oder den drei Bethen finden wir noch in Märchenüberlieferungen und in der Volkskultur, und Frauen wie Renate Fuchs-Haberl forschen seit vielen Jahren nach den Spuren regionaler weiblicher Spiritualität.

Und genau hier wird es für mich interessant, denn einige der ältesten uns bekannten menschlichen Figurinen aus unserem Kulturraum sind weiblich, etwa die rund 40.000 Jahre alte Frau vom Hohle Fels oder die etwa 29.500 Jahre alte Frau von Willendorf. Was diese Figuren für die Menschen ihrer Zeit tatsächlich bedeutet haben, wissen wir nicht, ob sie Göttinnen waren, religiöse Bilder, persönliche Gegenstände oder etwas ganz anderes, das sich unserem heutigen Denken entzieht, bleibt offen.

Aber auch der Begriff „Venus“, unter dem viele dieser Figuren lange bekannt wurden und teilweise bis heute bekannt sind, ist bereits eine Interpretation, denn damit wurden sie nachträglich mit der sehr viel jüngeren römischen Liebesgöttin in Verbindung gebracht. Und genau diese Benennung empfinde ich persönlich als eine patriarchale Überstülpung, auch weil die Archäologie, aus der diese frühen Deutungen kamen, lange Zeit überwiegend männlich geprägt war.

Natürlich wäre es genauso eine Interpretation, diese alten Frauenfiguren nun einfach zu Göttinnen zu erklären. Und trotzdem ist „Frau von Willendorf“ für mich etwas anderes als „Göttin“, denn der eine Name beschreibt zunächst eine Figur, während der andere für mich einen spirituellen Bedeutungsraum öffnet.

Wenn ich „Göttin“ sage, meine ich damit nicht zwangsläufig eine konkrete Wesenheit, die irgendwann irgendwo in einem Tempel angebetet wurde, sondern auch ein machtvolles weibliches Bild für Leben, Schöpfung, Erde, Geburt, Tod, Wandel und all die großen Zyklen, in denen wir uns als Menschen bewegen.

Und genau dieser Bedeutungsraum fehlt mir bei unseren alten europäischen Frauenbildern manchmal. Nicht weil ich ihnen nachträglich eine Geschichte erfinden möchte, die wir nicht kennen können, sondern weil mit den verlorenen Geschichten, Namen und Mythen auch etwas von der Möglichkeit verloren gegangen ist, diese alten weiblichen Bilder heute als machtvolle spirituelle Instanzen wahrzunehmen.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mir eine Pacha Mama begegnen kann und ich etwas mit ihr anzufangen weiß, obwohl sie nicht aus meinem Kulturraum stammt.

Vielleicht muss die Göttin ja gar nicht dort geboren worden sein, wo ich geboren bin.

So ging mir der Ohrwurm jedenfalls nicht mehr aus dem Sinn und ich versuchte mich mit einem österreichischen Dialekttext. Getestet in meiner Frauensinggruppe kam er gut an und wurde zum Bestandteil unseres Liederabends.

So wie manche Menschen viele Schuhe, viel Schmuck kaufen oder sich viele Reisen leisten, habe ich Freude an der professionellen Umsetzung von Musik. Da die Komposition von Pacha Mama nicht von mir ist, musste ich mich erst um die Urheberrechte kümmern. Ronny Hickel aus Australien war gut erreichbar und gab mir prompt sein „GO“ dafür und dabei erfuhr ich, dass er gar kein Australier ist, sondern … tataaaaa … Österreicher.

Ich musste sehr lachen, denn wenn das kein Zufall ist.

Und so entstand endgültig die Idee, Pacha Mama hier bei uns auf der Alm anzusiedeln, und begleitet von Jodeln, Blöken und Muhen nahm ich das Lied bei meinem Musik-Kollegen Bernie Rothauer in seinem Obaxe-Studio in Salzburg auf.

Durch die Beschäftigung mit dem Lied habe ich mich aber auch wieder ein Stück mehr mit meiner eigenen Spiritualität beschäftigt, denn es ist in unserer Gesellschaft gar nicht so leicht, einen übergeordneten Blick auf dieses Thema zu behalten, bei all den Dogmen und all den Einzelkämpfer*innen, die um DAS Richtige streiten.

Ich habe vor Jahren im Kloster Gut Aich im Salzburger Land Fortbildungen besucht und dabei Bruder David Steindl-Rast kennengelernt. Er hat mir ein Bild geschenkt, das mich bis heute begleitet und das ich für meine eigene Vorstellung von Religion und Spiritualität sehr wertvoll finde, das Bild vom Brunnengraben.

Die Menschen beginnen an verschiedenen Stellen zu graben, weil sie Wasser suchen, jeder gräbt an seinem eigenen Platz, mit seinen eigenen Werkzeugen und nach seinen eigenen Vorstellungen. Der eine gräbt hier, die andere dort, jemand baut seinen Brunnen aus Stein, jemand verziert ihn, stellt eine Figur daneben und irgendwann erklärt vielleicht jemand, warum genau dieser Brunnen der richtige ist. Je tiefer die Menschen aber graben, desto näher kommen sie dem Grundwasser und ganz unten, in der tiefsten Tiefe, entspringen all diese Brunnen derselben Quelle.

So sehe ich das mit der Religion und auch mit Spiritualität.

Wir Menschen graben an unterschiedlichen Stellen und finden unterschiedliche Wege, um uns mit etwas zu verbinden, das größer ist als wir selbst. Wir geben dem Ganzen Namen, entwickeln Rituale, erzählen Geschichten und schaffen Bilder, die uns helfen, diese Verbindung überhaupt begreifen und erleben zu können.

Und dann passiert etwas ziemlich Menschliches, denn irgendwann beginnen wir darüber zu streiten, welcher Brunnen der richtige ist, wer das schönere Loch hat, wer tiefer gegraben hat, wer überhaupt hineinschauen darf, wie der Brunnen verziert sein muss und wer gefälligst draußen zu bleiben hat.

Wir beschäftigen uns so sehr mit unseren Brunnen, dass wir vergessen, dass es eigentlich gar nicht um den Brunnen geht, sondern um die Quelle. Soweit meine Überzeugung.

Und vielleicht brauchen wir diese Brunnen sogar, denn eine einzige universelle Quelle, das große Ganze, eine allumfassende Lebenskraft oder wie auch immer wir sie nennen wollen, ist ein ziemlich mächtiges und abstraktes Bild. Vielleicht helfen uns gerade deshalb die vielen Namen, Geschichten und Gestalten dabei, einzelne Qualitäten daraus herauszunehmen, sie anzuschauen und für uns greifbarer zu machen.

So funktionieren für mich auch die vielen Göttinnenbilder, nicht hierarchisch und nicht in Konkurrenz zueinander, sondern als unterschiedliche Möglichkeiten, in Brunnen zu schauen.

Vielleicht brauchen also gar nicht die Göttinnen ihre vielen Namen. Vielleicht brauchen wir Menschen sie.

Wenn ich mich mit einem speziellen Bereich meines Lebens beschäftige und dabei eine spirituelle Anbindung suche, kann ich eine Göttin wählen, die mir als Resonanzboden für genau diese Facette hilfreich erscheint. Stehe ich vor einer schwierigen Entscheidung und brauche Distanz, Objektivität und einen kühlen Kopf, können Athene oder Maat für mich ein hilfreiches Bild sein, geht es um Feuer, Wandlung und schöpferische Kraft, könnte es Brigid sein, und geht ein Lebensabschnitt zu Ende, geht es um Loslassen, Trauer, Widerstand und Transformation, dann kann es eben auch Pacha Mama oder Percht sein.

Nicht weil ich glaube, dass diese Göttinnen in unterschiedlichen himmlischen Abteilungen sitzen und ihre jeweiligen Zuständigkeiten verwalten, sondern weil mir ihre unterschiedlichen Bilder helfen können, meine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, das ich gerade brauche.

Und deshalb nehme ich mir die Freiheit, all die wunderbaren Göttinnen dieser Welt anzusingen, ganz egal, wo ihre Geschichten entstanden sind und welche Namen sie tragen. Ich weiß dabei, dass ich immer nur in einen anderen Brunnen schaue und tief unten, in der Tiefe, liegt vielleicht dieselbe Quelle.

Und aus genau dieser Haltung heraus ist die dritte Strophe meines Pacha-Mama-Liedes entstanden:

Du bist frei – so frei – und dei Name ist einerlei
Pacha Mama, Percht ob Gaia, Baba Yaga oder Freya
Ob ganz herüben oder drüben, ob im Norden oder Süden,
wo die Erdn vor uns liegt, ist die Göttin, die uns wiegt.
wo die Erdn vor uns liegt, ist die Göttin, die uns wiegt.

Menschen & Seiten zu diesem Essay

Andrea Dechant – Artedea, Göttinnenbilder und Göttinnenwissen www.artedea.net
Renate Fuchs-Haberl – Wildmohnfrau, regionale Matriarchats- und Göttinnenforschung www.wildmohnfrau.at
Ronny Hickel – Komponist von „Pacha Mama“ und Anbieter spiritueller Reisen in Australien https://yatra.org.au
Bernie Rothauer – Obaxe Studio, Aufnahme und musikalische Produktion obaxe-music Tonstudio Salzburg